Schweiz: 3600-fache Erhöhung des Glyphosat-Grenzwertes in Gewässern geplant. Schützen Sie die Ökosysteme und Ihre Gesundheit, werden Sie aktiv!

Nachdem die 5-Jahres-Verlängerung der Zulassung für das Pestizid Glyphoffenen Brief an verschiedene Kommissare und Ausschussvorsitzende der Europäischen Unionsat Ende 2017 die Wogen in der EU hoch gehen liess (The World Foundation for Natural Science reagierte darauf mit einem offenen Brief an verschiedene Kommissare und Ausschussvorsitzende der Europäischen Union), kam kurz darauf eine Schreckensmeldung aus dem Schweizerischen Bundesamt für Umwelt (BAFU):

In der Schweiz soll der Grenzwert für Glyphosat in Bächen, Flüssen und Seen von 0,1 Mikrogramm pro Liter auf 360 Mikrogramm pro Liter angehoben werden – das ist eine Erhöhung des Grenzwertes um den Faktor 36001! Im offenen Brief an die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard nimmt The World Foundation for Natural Science Stellung zu diesem Fehlentscheid und fordert die Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) auf, auf Gifte in der Landwirtschaft zu verzichten und die natürlichen Anbaumethoden in der Schweiz zu fördern. Die Frage, die wir im Brief Frau Leuthard stellen, müssen wir uns alle stellen: Wie kann eine auf Giften basierende Landwirtschaft unserer Gesellschaft je Gesundheit, Leben und Wohlstand bringen? Gifte in Wasser, Böden und Lebensmitteln – ist das wirklich die Zukunft, die wir für unser Land, unsere wunderschöne Schweiz, für uns und unsere Familien zeichnen möchten?

Brief an die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard

Vor dem Hintergrund einer von der EAWAG (Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs) im Frühling 2017 publizierten und vom BAFU selbst in Auftrag gegebenen Studie, die eine „anhaltend hohe Pestizidbelastung in kleinen Bächen“ festgestellt hat2, ist dieser Entscheid für The World Foundation for Natural Science absolut unverständlich. Stoffkonzentrationen, die als akut toxisch gelten, werden überschritten, und nicht in einem einzigen Fall wurden die gesetzlichen Anforderungen an die Wasserqualität eingehalten! Ausgesetzte Bachflohkrebse zeigten bei hohen Pestizidkonzentrationen erhöhte Mortalitätsraten und lethargisches Verhalten. Mit 128 ist die Zahl der nachgewiesenen Stoffe sehr hoch: In den Bächen befindet sich ein regelrechter Giftcocktail. Experten warnen vor allem vor kritischen Kombinationen von verschiedenen Wirkstoffen3. Gemischt potenzieren sich die Gifte, und ihre schädigenden Auswirkungen auf die Umwelt sind kaum abzuschätzen. Die Brisanz dieser Tatsache ist beim Bundesamt für Landwirtschaft, Sektion Pflanzenschutz, offenbar noch nicht angekommen: Dort „konzentriert man sich vor allem auf die Einzelstoffe“ – obwohl auch diesen Behörden bekannt ist, dass sich „die Wirkung kumuliere, wenn zwei Stoffe gleich wirken“4. Gemäss dem OECD- Umweltprüfbericht Schweiz 20175 ist die Pestizid-Belastung in den Schweizer Gewässern zu hoch. Ausserdem hinke sie „bei der Entwicklung des Aktionsplanes Pflanzenschutz der Europäischen Union hinterher“. Die Belastung der Gewässer und des Grundwassers in der Schweiz sei so hoch, dass sie die „aquatischen Ökosysteme und möglicherweise auch die menschliche Gesundheit“ negativ beeinflussen könnte5.

Pestizide sind Gifte und wirken auch im menschlichen Körper. 2015 wurde Glyphosat von der WHO als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Der US-Chemiker Christopher Portier prüfte im Auftrag der Internationalen Agentur für Krebsforschung, wie sich das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Der Befund ist eindeutig: Glyphosat ist krebserregend. – Dennoch gab das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, wie auch weitere EU-Behörden, Entwarnung. Ein vom US-Agrochemiekonzern Monsanto, der seit über 40 Jahren mit dem Glyphosatprodukt „Roundup“ Milliarden einnimmt, manipulierter Entscheid? Für den mehrfach ausgezeichneten Chemikalienexperten Portier deutet alles darauf hin. Er und mehr als 90 Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt schrieben einen offenen Brief an den EU-Gesundheitskommissar, in dem sie „ihre tiefe Sorge“ über die „fehlerhafte“ Bewertung bekundeten.6 Pestizide sind Gifte – ist es möglich, dass sie sich im Körper ansammeln (Bioakkumulation)? Eine im Januar 2016 veröffentlichte Langzeitstudie des deutschen Umweltbundesamtes warnt vor den Risiken von Glyphosat. Die Studie wies Rückstände von Glyphosat im menschlichen Urin nach und zeigte, dass „über einen Zeitraum von 15 Jahren eine eindeutige Anreicherung von Glyphosat im Urin festgestellt werden“ konnte.7 Auch in Muttermilch wurden Rückstände von Glyphosat entdeckt, die über den für Trinkwasser erlaubten Grenzwerten liegen8. Pestizide befinden sich also im menschlichen Organismus. Was passiert dann? Als Kleinststoff dringen die Gifte bis in die Zelle vor und können dort auch die Mitochondrien schädigen9. Die Mitochondrien sind für die Bereitstellung der vom Körper benötigten Energie über den sogenannten „mitochondrialen Weg“ überlebensnotwendig. Ist dieser Weg beeinträchtigt, muss der Körper auf den „Glykolyseweg“ umstellen, um Energie zu erzeugen, jenen Weg, der normalerweise nur für kurzzeitige Stresssituationen (wie Flucht oder Kampf) vorgesehen ist. Sind wir zu lange oder gar dauerhaft auf dem Glykolyseweg unterwegs, wird der Körper krank, er bekommt Krebs.10

Was die Gewässer und den menschlichen Körper derart belastet, schädigt auch das Leben im Boden. Natürliche Landwirtschaft hingegen fördert das Leben im Boden und gesunde Ökosysteme. Blühstreifen beispielsweise liefern Futter und Unterschlupf für natürliche Gegenspieler von Schädlingen und machen den Einsatz von Pestiziden hinfällig11. In einem gesunden Boden leben Milliarden Bodenlebewesen in Symbiose mit den Pflanzen (mehr dazu in unserem Factsheet „Böden“). Die Vorteile des Bio-Landbaus sind im weltweit bedeutendsten Langzeitfeldversuch zum Vergleich biologischer und konventioneller Anbausysteme12 des FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) belegt: Auf den biologisch bewirtschafteten Versuchsparzellen

  •  kommen 25 Prozent mehr kleinste Bodenlebewesen vor,
  • ist die Bodenfruchtbarkeit langfristig höher,
  • sind die Pflanzen mehr mit Mykorrhiza (symbiotisch mit den Pflanzen lebende Wurzelpilze) kolonisiert und
  • ist die Artenvielfalt der Mykorrhiza grösser

als in den konventionellen Parzellen12. Auch die im Juli 2017 in der internationalen Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichte globale Meta-Studie des FiBL zeigt, dass biologisch bewirtschaftete Böden „im Schnitt 59 Prozent mehr Biomasse aus Mikroorganismen, die zudem bis zu 84 Prozent aktiver sind als unter konventioneller Bewirtschaftung“, enthalten.13

Mikroorganismen sind die Basis funktionierender Ökosysteme. Durch die Pestizide ist die Gesundheit von Pflanze, Mensch und Tier, ja von ganzen Ökosystemen14, bedroht. In ihrem Buch „Der stumme Frühling“, das sich „wie ein Krimi liest“15, warnte Rachel Carson bereits 1962 vor dem Einsatz von Pestiziden und machte auf deren umwelt- und gesundheitsschädigende Wirkung aufmerksam16.

Die Vernehmlassung der geplanten Teilrevision der Gewässerschutzverordnung der Schweiz dauert noch bis zum 13. März 201817. Wir müssen handeln! Werden Sie aktiv und schreiben Sie. Fordern Sie eine Landwirtschaft ohne Gifte. Stehen Sie ein für sauberes Trinkwasser, gesunde, lebendige Böden und wahre Lebensmittel. Gerne stellen wir Ihnen auf dieser Plattform unseren Brief als Anregung zur Verfügung. Weitere Argumente finden Sie in dieser Rubrik wie auch im Themenbereich „natürliche Landwirtschaft“.

  1. https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/bald-ist-in-gewaessern-3600mal-mehr-glyphosat-erlaubt/story/11271994
  2. http://www.eawag.ch/de/news-agenda/news-plattform/news/news/anhaltend-hohe-pestizidbelastung-in-kleinen-baechen/
  3. https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/themen/gesundheit/pestizide-und-medikamente-im-trinkwasser
  4. https://www.beobachter.ch/landwirtschaft/umweltschutz-giftcocktails-im-wasser
  5. http://www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/environment/oecd-umweltprufbericht-schweiz-2017-kurzfassung_9789264265998-de#page10
  6. https://www.beobachter.ch/umwelt/flora-fauna/unkrautvertilger-glyphosat-ist-krebserregend
  7. https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/vorbeugung/langzeitstudie-des-uba-belegt-ueber-die-nahrung-aufgenommen-glyphosat-im-urin-von-menschen-nachweisbar_id_5227880.html
  8. http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/unkrautvernichtungsmittel-glyphosat-in-muttermilch-nachgewiesen-1.2539478
  9. Dr. Anja Schemionek, Dr. Bodo Kuklinski (2015): Mitochondrien: Symptome, Diagnose und Therapie. Kamphausen Verlag, 2015
  10. Weitere Informationen zu diesen Zusammenhängen bekommen Sie in unserem Vortrag „Un-Wohlsein und Krankheit—Fluch oder Segen?“. Beachten Sie unseren Veranstaltungskalender oder schauen Sie den Film „Unwohlsein und Krankheit—Fluch oder Segen?“ von unserem Europäischen Präsidenten Paul Probst, gehalten am 22. Internationalen „Neuer Wissenschaftlicher Ausblick“ Welt-Kongress in Ulm.
  11. https://www.agroscope.admin.ch/agroscope/de/home/publikationen/agroscope-online-magazin-jahresbericht/ausgabe-3/bluehstreifen-reduzieren-schaedlinge.html
  12. http://www.fibl.org/index.php?id=2018
  13. http://www.fibl.org/de/medien/medienarchiv/medienarchiv17/medienmitteilung17/article/mehr-mikroben-im-bioboden.html
  14. Mehr Informationen über den Zusammenhang von Pestizideinsatz und Insektensterben finden Sie in unserem Factsheet „Der Frühling verstummt“.
  15. Das Buch und die Geschichte dazu wurden ausführlich im Vortrag von Sebastian Hausmann am 22. Internationalen „Neuer Wissenschaftlicher Ausblick“ Welt-Kongress in Ulm vorgestellt; die Aufzeichnung davon finden Sie auf unserer Homepage.
  16. Rachel Carson (1962): Der stumme Frühling. Dt. Übersetzung im Beck Verlag, 2013.
  17. https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/wasser/recht/vernehmlassungen/mikroverunreinigungen-grenzwerte-vernehmlassung.html